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Inhaltsverzeichnis

 

1 Einführung *

2 Historisch-sozialer Kontext *

2.1 Alphabetisierung und Literatur *

2.2 geringer Bildungsstand versus hohe Frömmigkeit *

3 Ziele und Wege zum Ziel *

3.1 eingesetzte Mittel *

3.2 Reformation im engeren Sinne *

3.3 Auseinandersetzung mit der alten Kirche *

3.4 Literatur fürs Volk *

3.5 Ein Blick auf die Zeittafel *

4 Zielrichtung von Luthers Liedern *

4.1 Konstanz in den Aussagen *

4.2 formale Besonderheiten *

4.3 Einfachheit der Aussagen *

4.4 Kinderlieder als Kampfmittel *

4.5 Transport theologischer Inhalte: katechetische Lieder *

5 Wirkung der Luther-Lieder *

5.1 soziale Wirkung *

5.2 Sprachnormierung *

6 Ausblick: Lieder als ideologisches Kampfmittel *

 

 

  1. Einführung
  2. Luther war ein Mensch, der die deutsche Literatur enorm geprägt hat. Angefangen bei der Übersetzung der Bibel mit ihrer normativen Kraft über die programmatischen Schriften der Reformation bis hin zu den Liedern verströmen seine Werke auch heute noch eine besondere Faszination, seine Sprache wirkt auch nach 500 Jahren noch kraftvoll und man merkt, dass das Maul des Volkes, auf das Luther so gerne schauen wollte, auch nach einem halben Jahrtausend noch verstanden wird.

    In dieser Arbeit wollen wir den Blick auf das Volk lenken: es soll gezeigt werden, dass Luthers Lieder auf die Bedürfnisse und die soziale Situation des Volkes zugeschnitten sind, dass sie eine Wirkung hatten, die den Vergleich mit der Wirkung moderner Massenmedien nicht zu scheuen braucht und dass Luther der erste war, der dem Lied in deutscher Sprache diese besondere Macht, diesen besonderen Einfluss gegeben hat. Luther wird dabei immer wieder als Sprachkünstler ersten Ranges auftreten – ein Titel, der mit dieser Arbeit untermauert werden soll.

    Wir wollen mit einer historischen Betrachtung ansetzen und kurz beleuchten, in welcher sozialen Situation die Luther-Lieder entstehen. Sodann wollen wir die Lieder Luthers zu seinen anderen Werken in Bezug setzen. Wenn wir so die Entstehung der Werke aufgezeigt haben, greifen wir exemplarisch zwei Lieder heraus, an denen wir ausgehend von den dargestellten historischen und wirkungsgeschichtlichen Zusammenhängen – die Besonderheiten der Luther-Lieder zeigen können. Sodann werden wir versuchen, die Frage nach der Wirkung der Lutherschen Lieder zu beantworten – und mit der generellen Problematisierung zu enden, wie häufig Lieder zur Beeinflussung von Massen eingesetzt worden sind.

    Beginnen werden wir mit dem historisch-sozialen Kontext, in dem sich Luther und seine Lieder befinden.

  3. Historisch-sozialer Kontext
  4. Eine jede literarische Erscheinung ist immer auch Produkt ihrer eigenen Geschichte, der sozialen und kulturellen Umstände sowie der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Es liegt daher nahe, eine Untersuchung der Besonderheiten und Erfolge von Luthers Liedern an genau diesem Punkt beginnen zu lassen.

    Wir werden zunächst zwei Umstände genauer beleuchten, die für die nachfolgende Argumentation von besonderer Bedeutung sind: zum einen die Frage nach der Alphabetisierung der Bevölkerung und der sich daraus bedingenden Wirkungsweise von Literatur, zum zweiten die Grundhaltung der einfachen Menschen, die sich im Wesentlichen durch eine tiefe Frömmigkeit, gepaart mit geringer Bildung charakterisieren lässt.

    1. Alphabetisierung und Literatur
    2. Festzuhalten ist, dass die Beherrschung von Lesen und Schreiben keineswegs ein Allgemeingut waren. Während man in den (wenigen) Städten davon ausgehen kann, dass etwa 20% der Einwohner diese Kunst beherrschten, so wird auf dem Lande der Alphabetisierungsgrad auf etwa 2% geschätzt, was nichts anderes bedeutet, dass der Geistliche und der Verwaltungsbeamte am Orte lesen und schreiben konnten (zu diesen Zahlen vgl. die Internetpublikationen des Schulmuseums Nürnberg unter
      www.paed1.ewf.uni-erlangen.de/ka_210.htm)

      Eine "Bildung" oder "Aufklärung" der Menschen konnte also nicht durch Schriften, die den Menschen an die Hand hätten gegeben werden können, erfolgen. Vielmehr geben die vielen religiösen Bilder in den Kirchen ein Zeugnis davon, dass auf diesem Wege katechetische Inhalte transportiert worden sind.

      Neben bildlichen Darstellungen kommt dem gesprochenen Wort eine besondere Bedeutung für die "Bildung" der einfachen Bevölkerung zu: es ist das einzige Medium, mit dem diese Menschen tatsächlich erreicht werden konnten.

      Schriftgut im Sinne von Literatur existierte auf dem Lande so gut wie gar nicht. Literatur war die (lateinische) Bibel. Die Erzeugnisse des Buchdrucks kamen der Gelehrtenrepublik, nicht aber der einfachen Bevölkerung zu Gute – was angesichts der Tatsache, dass diese ohnehin nicht lesen konnten, auch nicht weiter verwunderlich ist.

      Schriftgut, dass die Menschen durchaus erreichte und das aufgrund des Buchdrucks enorme Verbreitung fand, waren Flugschriften – kleine, kurze, knappe Druckwerke, die – zumeist anonym gedruckt – neue Ideen, revolutionäre Aufrufe oder auch die Reformation verbreiteten. Diese Flugblätter konnten einfach gedruckt, schnell verteilt und dann dem Volk vorgelesen werden – was den Erfolg dieser Art von Schriften begründet haben dürfte. Auf die zum Teil anarchischen Formen, die das Flugschriftenwesen durch Abschriften, Umschriften und immer weitere unkontrollierte Verbreitung annahm, wollen wir weiter unten noch einmal eingehen.

    3. geringer Bildungsstand versus hohe Frömmigkeit

    Wir haben oben dargelegt, dass die Bildung der Menschen durch Bilder oder durch das gesprochene, resp. vorgelesene Wort erfolgte. Nun liegt es in der Natur der Sache, dass ein vorgelesenes Wort durch den Vorlesenden bestimmt ist: er entscheidet, ob und wie etwa eine Flugschrift vorgelesen wird.

    Innerhalb der ländlichen Schichten, die des Lesens kundig waren, finden wir unterdessen auch nicht das, was wir unter heutigen Maßstäben eine "gute" Bildung nennen könnten. Die Berichte von Visitationen bei ehemals katholischen Pfarrern geben ein beredtes Zeugnis davon, dass selbst einfachste Sachverhalte aus der Theologie bei den vermeintlich "Gebildeten" nicht bekannt waren. Der geringe Bildungsstand bezog sich also nicht nur auf das gemeine Volk, sondern auch auf den Landklerus und die einfachen Beamten. Gebildet, also zu einem intellektuellen Disput fähig waren allenfalls die hohe Geistlichkeit, einige Klöster, manche Adelige und wenige Städter.

    In unserem Kontext sollten wir daher festhalten, dass die Bildung der damaligen Zeit keinesfalls eine autonome war, sondern ganz erheblich vom "Vermittlungswillen" etwa des Dorfpfarrers abhing. Wenn dieser eine Flugschrift nicht verlesen wollte, dann ging dieses Wissen an dem Dorf spurlos vorbei – wenn er hingegen meinte, nicht nur das vorlesen zu müssen, was er geschrieben fand, sondern selber auch noch einige mitteilenswerte Gedanken hatte, so mischte sich in die Inhalte, die schriftlich dargelegt waren, auch noch die Meinung des Vermittlers.

    Gleichzeitig finden wir eine tiefe Frömmigkeit in der einfachen Bevölkerung; eine Frömmigkeit, die sich nicht auf theologische Erkenntnisse gründete, sondern eher eine allgemeine Weltsicht darstellt. Die Welt war nicht anders denkbar als als Schöpfung Gottes, die einzige und wahre Kirche war präsent, es gab keine Alternativen in der Glaubensauffassung (wobei man zugeben muss, dass die Frage nach der individuellen Entscheidung für eine Konfession auch kein Thema des 16. oder 17. Jahrhunderts war: die Regel "cuius regio, eius religio" beweist, dass der Gedanke der Selbstbestimmtheit und der Freiheit des Individuums einer ist, der erst durch die Aufklärung seine religiöse Bedeutung gewonnen hat).

    Die Menschen waren also in Gott und der Kirche aufgehoben, sie waren allesamt Bestandteil des einen großen Weltbildes. Dieses gab ihnen eine wunderbare Hoffnung: nach dem Leid dieser Welt war das Paradies verheißen, die Erlösung von allen Heimsuchungen, von aller Arbeit und aller Mühe. Man kann mit Recht sagen, dass diese Art von Frömmigkeit die Menschen auf einem niedrigen Niveau ruhig gehalten hat: die Eingebundenheit der eigenen sozialen Situation in die göttliche Weltordnung war eine ruhige Gewissheit, das Auflehnen gegen diese Ordnung war Sünde.

    Um so schwerer wiegen zwei Umstände, die die Einleitung zum eigentlichen Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit liefern: die Tatsache, dass die katholische Kirche es verstanden hat, diese Frömmigkeit der Menschen materiell auszunutzen (Stichwort: Ablasshandel), zum zweiten die Tatsache, dass sich Martin Luther zum Sprachrohr einer schwelenden Unzufriedenheit der Menschen, insbesondere aber der Mächtigen mit dieser Selbstbedienungsmentalität der einzigen geistigen Instanz gemacht hat.

  5. Ziele und Wege zum Ziel
  6. Es ist erstaunlich, dass die Reformation, deren glühendster Verfechter in der Provinzhauptstadt Wittenberg saß und aufgrund von Acht und Bann diese Stadt auch nicht verlassen konnte, einen solchen Erfolg hatte.

    Luther konnte nicht von Stadt zu Stadt reisen, um seine Ideen auf dem Marktplatz zu verkündigen, er konnte nicht einmal von Hof zu Hof reisen, um den Adel für seine Ideen zu gewinnen. Sein erstaunlicher Erfolg ist vielmehr ein literarischer: einer, der in der Wahl der kraftvollen, einfachen Sprache begründet liegt, der aber als unabdingbare Voraussetzung hat, dass die literarische Produktion Luthers auch bei den Menschen ankommt, die sie erreichen sollen – modern gesprochen: dieser literarische Erfolg ist nicht nur eine sprachlicher, sondern auch ein logistischer.

    Wir wollen uns nun fragen, wer denn Luthers Zielgruppen sind, wen er denn zu welchen Zeiten mit welchen Mitteln erreichen wollte und erreicht hat. Hier wird sich eine interessante zeitliche Abfolge ergeben, die zu der Erkenntnis führt, dass Luther nicht nur sprachlich brilliert hat, sondern auch ein Meister in der Wahl des Geeigneten Vehikels war.

    1. eingesetzte Mittel

Wir können heute konstatieren, dass Luther unterschiedliche Arten von Schriften für unterschiedliche Zielgruppen geschrieben hat. Um einen deutlichen und abgegrenzten Zugriff auf die Lieder zu haben, erscheint es an dieser Stelle notwendig, die Arten von Schriften im ihrem eigenen Kontext zu beleuchten. Zunächst wollen wir die Arten der Schriften kurz festhalten, dann die Ziele Luthers beleuchten und im dritten Schritt die Frage beantworten, welche Schriften für welche Ziele und für welche Phase der Reformation besonders geeignet sind.

Es wird sich dabei zeigen, dass die Schriften nicht nur einer theologischen oder organisatorischen Notwendigkeit folgen, sondern auch im soziologischen Kontext der Reformation ein Abbild der Schichten sind, die die neue Lehre erreichen wollte.

An dieser Stelle wollen wir festhalten, dass sich die literarische Produktion Luthers im Wesentlichen auf folgende Bereiche erstreckt:

Übersetzung der Bibel ins Deutsche
theoretische Schriften
Flugblätter (wobei diese eine Sonderstellung einnehmen, da sie zum Großteil nur mittelbar von Luther stammen und daher weder im Sinne der Verbreitung noch im Sinne der inhaltlichen Orientierung der Kontrolle Luthers unterliegen)
Lieder
    1. Reformation im engeren Sinne
    2. Zunächst verfolgte Luther das Ziel einer Reformation der alten Kirche im engeren Sinne. Die Ingangsetzung einer Spaltung der Kirche lag nicht in seinem Wollen und Wünschen.

      Dies hat in unserem Kontext zur Folge, dass die erste literarische Produktion innerkirchlich ist und der theologischen Auseinandersetzung innerhalb der bestehenden Ordnung dient: die Thesen, die angeblich in Wittenberg an die Schlosskirche geschlagen wurden, sind nichts anderes als der literarische Versuch, die Kirche zu reformieren, zu einem Umdenken zu bewegen.

      Die katholische Kirche reagiert nun nicht mit konstruktiver Offenheit, sondern geht auf Konfrontationskurs, indem sie Luther verhören lässt. Der Disput mit Eck führt 1520 endgültig zum Bruch mit Rom und zum Bann Luthers.

    3. Auseinandersetzung mit der alten Kirche
    4. Ein einzelner Mensch, und sei er auch vom Formate Luthers, hätte gegen die allmächtige römische Kirche herzlich wenig auszurichten gehabt. Luther kommt aber ein politischer Umstand entgegen, der eigentlich erst die Reformation ermöglicht: in weiten Kreisen der weltlichen Herrscher, insbesondere im süd- und mitteldeutschen Raum, wird der Macht- und Geldanspruch der Kirche zunehmend kritisch gesehen.

      In Luther finden nun diese antirömisch eingestellten Fürsten einen willkommenen Bundesgenossen, der eine Alternative zum umfassenden Anspruch der römischen Kirche bietet und die aufgrund ihrer Einzigartigkeit absolute Stellung dieser Kirche aufhebt.

      Hierbei ist es verständlich, dass sich Luthers literarische Produktion der frühen Reformationsjahre an die Fürsten und Adeligen richtet: die programmatischen Schriften dieser Zeit lassen als Adressaten nicht den Bauern oder den Dorfgeistlichen zu, sondern nur den gebildeten Adel.

      Wenn der Adel auch nur in einer der programmatischen Schriften als Adressat genannt wird, so ist doch klar, dass es aller drei programmatischen Schriften bedarf, um ein umfassendes System, nach dem Kirche reformiert resp. neu geschaffen werden kann, vorzufinden. Daher sind diese drei Schriften wirkungsgeschichtlich als programmatische Einheit zu verstehen – wenn auch die Wirkung der politischen Schrift beim Adel weitaus am größten gewesen sein dürfte.

    5. Literatur fürs Volk
    6. War die Wirkung der theoretischen Schriften aufgrund des enggezogenen Adressatenkreises noch einigermaßen überschaubar, so musste Luther feststellen, dass sich der Adressatenkreis seiner Schriften plötzlich ungeahnt erweiterte: Flugblätter mit Teilen seiner Schriften, mit Exzerpten und willkürlichen Wiedergaben der Lutherschen Ideen waren nicht nur schnell und problemlos herzustellen, sondern sorgten auch für eine weitgehend unkontrollierte Verbreitung der Ideen der Reformation beim Volk.

      Eine längere theoretische Schrift hätte wohl kaum das Interesse der ländlichen Bevölkerung gefunden (hier sei auf die Rolle des "Vorlesers" verwiesen, die wir oben schon aufgezeigt haben), wohl aber ein kurzes, prägnantes Flugblatt, das auf einfachste Weise erklärt, warum die Kirche so reich und die Bauern so arm sind, das vielleicht auch aus Luthers "Freiheit eines Christenmenschen" zitiert und den Bauern verkürzt, aber einleuchtend erklärt, dass sie niemandem untertan sind (vgl. hierzu Kähler 1962, S. 125).

      Die Bedeutung und enorme Wirkung der Flugschriften ist hinreichend bekannt und soll hier nicht weiter Gegenstand der Untersuchung sein. In unserem Kontext erscheint wichtig, dass die Flugschriften ob ihrer Natur nur schwer oder gar nicht steuerbar und im Sinne einer einheitlichen Reform der Kirche schwierig zu handhaben sind (als kurzer Überblick eignet sich hier Beutin u.a. 1994, S. 61 ff. – hier tritt das nicht steuerbare, fast schon anarchische Element dieser Gattung deutlich zu Tage).

      Um die Reformation nicht zu einer Revolution werden zu lassen (dies hätte ja politische Umwälzungen zur Folge gehabt, die sich Luther insbesondere aufgrund der oben dargestellten politischen Grundlinien nicht hätte wünschen können), musste Luther nun ein Mittel finden, mit dem die "Wahrheit" der Reformation, also das, was wirkliche und offizielle Lehrmeinung ist, schnell und eingängig beim Volk verankern ließ.

      In diesem Moment – vielleicht aus Intuition, vielleicht aber auch aus wohlverstandener Berechnung – greift Luther zu einem Mittel, das genau auf den Bildungs- und Vermittlungshorizont der einfachen Menschen zugeschnitten ist und daher die größte und machtvollste Wirkung beim Volk hat: die Lieder.

    7. Ein Blick auf die Zeittafel

Im Anhang findet sich eine Zeittafel, die die Dreigliederung der Schriften Luthers, nämlich in

theologisch-interne Schriften
theologisch-politische Schriften für den Adel
Lieder für das Volk

in Korrelation zu Eckdaten der Reformationsgeschichte setzt und nicht nur die zeitliche Abfolge der verschiedenen Schriften, sondern auch ihre Enge Verbindung zum politischen Geschehen zeigt. Die Lieder entstehen erst dann, als die Reformation schon da ist:

"Doch zum Liedermacher wurde Luther erst, als die Reformation bereits Tatsache war."
(Jenny 1983, S. 15)

Besonderes Augenmerk sollte darauf gerichtet werden, dass die Wirkung der Reformation auf das Volk im Sinne einer Aufforderung zum Umsturz schon früh (nämlich 1522) von Luther unmittelbar in Wittenberg wahrgenommen werden kann – unter diesem Eindruck kann man die These vertreten, dass Luther versteht, dass das Volk eine ernstzunehmende politische und gesellschaftliche Macht ist, die aufgrund der oben dargestellten Umstände (keine Bildung, Volksfrömmigkeit) und der um sich greifenden Reformation eine eigene Form der religiösen Unterweisung braucht.

  1. Zielrichtung von Luthers Liedern
  2. Wir wollen uns nun den Liedern im Besonderen zuwenden und zeigen, mit welchen Mitteln es Luther gelungen ist, das Lied zu einem höchst geeigneten Werkzug der Reformation zu machen. Nach einigen allgemeinen Betrachtungen zu Liedern als Bildungsgegenstand wollen wir exemplarisch zwei Lieder herausgreifen und an diesen die Zielsetzungen Luthers exemplarisch verdeutlichen.

    Wohl wissend, dass sich die Lieder Luthers nicht in Schemata pressen lassen, dass seine Liedproduktion auch Transskriptionen katholischer Kirchenlieder, Psalmen und erbauliche Lieder umfasst, wollen wir uns in diesem Zusammenhang auf zwei Arten von Liedern beschränken: zum einen auf Lieder, die der Auseinandersetzung, vielleicht auch der Agitation dienen, zum anderen auf Lieder, die den Gläubigen die Inhalte des Glaubens vermitteln wollen, also katechetische Lieder.

    1. Konstanz in den Aussagen
    2. Wir hatten gesehen, dass die mündlich tradierte Bildung nicht konstant ist, sondern vom Willen und der Prädisposition des Vermittelnden abhängt. Zudem konnten wir zeigen, dass die konstante Vermittlung von Inhalten durch Flugschriften nicht immer gegeben ist.

      Lieder haben nun diese beiden Nachteile nicht: da sie definitionsgemäß in gebundener Rede vorliegen und als Lied nicht nur dem Metrum, sondern auch dem Rhythmus und der Melodie unterworfen sind, sind Veränderungen am Text nur schwer zu bewerkstelligen. Der Erhalt der eigentlichen Information des Liedes ist also deutlich höher als bei mündlichen Tradierungen oder bei Flugschriften.

      Zudem unterstützt die Melodie das Behalten des Textes: dem Durchschnittsmenschen fällt es leichter, einen Liedtext nachzusingen als ein Gedicht gleicher Länge auswendig zu lernen. Lernpsychologisch kann dieses ebenfalls gezeigt werden: wird die Gedächtnisleistung, die im Behalten eines bestimmten Sachverhaltes oder eines Satzes besteht, durch eine Melodie unterstützt, so steigt der Behaltensgrad signifikant an (zur Frage der Vernetztheit von Wissen und steigendem Behaltensgrad vgl. Edelmann 1995 S. 243 ff.)

      Das Lied ist also in besonderer Weise geeignet, theologische oder politische Ideen beim einfachen Volk zu verankern, und diese besondere Wirkungsweise wird von Luther in beeindruckender Weise genutzt.

    3. formale Besonderheiten
    4. Als herausragende Besonderheit der Lutherschen Lieder ist der Charakter des Gemeindeliedes zu nennen. Man kann nicht deutlich genug sagen, dass erstmalig die Gemeinde gemeinsam und in deutscher Sprache singt.

      Bis zur Reformation finden wir geistliche Lieder im Wesentlichen als Bestandteil der katholischen Liturgie. Selbst wenn die Liturgie eine Beteiligung der Gemeinde am Gesang vorsieht, so ist doch der Text lateinisch und für den Gläubigen allenfalls nachzuplappern, nicht aber zu verstehen. Zudem war liturgischer Gesang in der Regel eben nicht mit der Gemeinde, sondern mit speziellen Chor verbunden (z.B. bei Responsorien o.ä.). Der gemeinsame Gesang ermöglicht nun aber auch die Nachfrage bei "Mitsängern", ob der Text richtig verstanden worden ist: hier finden wir einen klaren Bruch des Prinzips der ausschließlich vermittelten, nicht für sich selbst stehenden Bildung. Die Bildung wird hier erstmalig unabhängig vom Vermittler, sie wird untereinander diskutierbar und verifizierbar.

      Mit dem Gemeindelied verbindet sich also erstmalig die Verständlichkeit der Liedinhalte mit einer Zusammenfassung aller Gläubigen im gemeinsamen Gesang. Dies erfordert für die Lieder selbst zwei entscheidende Kriterien: die Lieder mussten sprachlich einfach, im besten Sinne kraftvoll und verständlich sein, zum zweiten musste die Melodie gut singbar, im besten Sinne eingängig sein. Den zweiten Punkt wäre einer eigenen Untersuchung durchaus wert, soll aber der Musiktheorie vorbehalten bleiben. Um so deutlicher wollen wir an dieser Stelle auf die Wirkung der Texte schauen.

    5. Einfachheit der Aussagen
    6. Luther selbst hat gefordert, man solle dem "Volk aufs Maul schauen", also eine volksnahe, verständliche, einfache Sprache wählen. Mit seiner Bibelübersetzung hat er einen, wenn nicht den einen herausragenden Meilenstein in der Anwendung der Volkssprache gesetzt. Diesem Blick auf das Volk bleibt er im Rahmen der Liederdichtung treu.

      Peter von Matt zeigt in seinem Werk "Verkommene Söhne, missratene Töchter", wie kleine und einfachste (Kinder-) Verse und Texte dazu angetan sind, eine gesamte moralische und sittliche Weltsicht zu transportieren und dass sie dafür nicht einmal den konkreten theologischen Hintergrund benötigen:

      "Die muntere Strophe hat Karriere gemacht, gerade weil sie einem Kind auf Anhieb einleuchtet. Ein Königssohn mit einem sehr interessanten Namen hängt an einem Baum, denn er hat sich seinen Eltern widersetzt. Das genügt. Das macht ein Denkbild aus, ein Denkmal geradezu in der Kinderseele, eine innere Ikone über die beispielhaften Folgen eines beispielhaften Fehlverhaltens." (von Matt 1999, S. 22)

      Vielleicht kann man – zunächst als Arbeitsthese – davon ausgehen, dass ein Lied um so erfolgreicher ist, je näher seine Sprache der des Volkes ist. Unterstützt wird diese These durch den bekannten Misserfolg der allzu akademischen Psalmübertragungen von Schede Melissus, die durch den Erfolg der Übertragungen Lobwassers geradezu konterkariert wird.

      An Luthers Liedern wollen wir nun zeigen, wie auf einfache und sprachlich herausragende Art und Weise Inhalte reformatorischer Lehre transportiert werden.

      Als Beispiele sollen zum einen das Kinderlied "Erhalt uns Herr bei deinem Wort" und zum zweiten das Lied "Ein geistlich Lied von unserer heiligen Taufe" dienen. Das Kinderlied transportiert keinen theologischen Inhalt, sondern eine Geisteshaltung, eine reformatorische Grundeinstellung – und entspricht von seiner Konzeption her damit dem oben von Peter von Matt angeführten Kindervers. Bei dem "Geistlichen Lied von unserer heiligen Taufe" geht es um die Vermittlung theologischer Inhalte, es ist ein Lehrgedicht ersten Ranges, dazu angetan, breiten Schichten die Taufe und ihre Bedeutung nahe zu bringen.

      Die Texte der Lieder finden sich im Anhang dieser Arbeit.

    7. Kinderlieder als Kampfmittel
    8. Man ist schon versucht, den Titel "Ein Kinderlied" sehr skeptisch zu sehen. Die erste Strophe kann einem Erwachsenen, insbesondere aber einem Kind wirkliche Angst machen: in einem Atemzug werden Papst und Türken als Mörder bezeichnet, deren Ziel es ist, Jesus Christus von seinem Thron zu stoßen.

      Bezüglich der historischen Hintergründe (Vorrücken der Türken durch Ungarn 1541) sei auf die Ausführungen in Jenny 1995, S. 146 verwiesen. Da dies nicht Schwerpunkt dieser Betrachtung ist, soll mit diesem Hinweis der historische Kontext abgedeckt werden.

      Neben den massiven Angriffen, die dem Kind (und dieses ist ja nun der explizit genannte Adressat des Liedes) eine Denkrichtung vorgeben, die es erst nachsingen kann, dann aber in seiner Tiefe verstehen und nachfühlen soll, ist in dem Lied noch eine Menge grundlegender theologischer Aussagen versteckt:

      Allein der Satz "Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort" stellt die grundlegende Bedeutung des Wortes in der reformatorischen Lehre heraus. Nicht mehr die Taten oder die Handlungen sind es, die den Menschen zur Einsicht und zur Erlösung führen, sondern das Wort, das Wort Gottes und das Wort der Predigt.

      Wurde in der ersten Strophe Gott selber angerufen, so ist der Adressat der zweiten Strophe Jesus Christus: dieser soll seine Macht beweisen (es ist nicht überinterpretiert, wenn man die Formulierung "der du Herr aller Herren bist" dahingehend auslegt, dass der Papst sich anmaßt, ein höherer Herr über die Christen zu sein als Jesus Christus selbst). Zudem soll er die arme Christenheit beschirmen – und zwar vor den Erzfeinden, dem Papst und den Türken. Dieser Gedanke ist deshalb so wichtig, weil er der katholischen Kirche und ihrer Amtshierarchie die Christlichkeit abspricht: das Kind lernt, dass der Papst gar kein Christ ist – und seine Spießgesellen, seine gesamte Kirche ist damit auch nicht die "arme Christenheit", die sich dem Schutz Christi anvertraut.

      Konsequenterweise ist der Ansprechpartner in der dritten Strophe der Heilige Geist (das Kind lernt also nicht nur das Lied, sondern gleichzeitig etwas über die Trinität). Wenn der Heilige Geist gebeten wird, seinem Volk einerlei Sinn zu geben, dann kann das nur heißen, dass eine Bekehrung der Menschen zum rechten, will heißen reformierten Glauben erfolgen soll. Dies ist die Fortführung des Gedankens aus der zweiten Strophe: sollte dort die (rechtgläubige) Christenheit geschützt werden, so ist hier das Bemühen um Einheit und Einheitlichkeit innerhalb der reformierten Kreise zu erkennen. Davon ausgehend ist der Gedanke, dass dies ein Bekehrungsaufruf ist, nicht mehr weit: hier tritt das Bild einer geeinten Christenheit auf, die sich gemeinsam zum reformierten Glauben bekennt.

      Zu guter letzt findet sich in den unscheinbaren Zeilen des Kinderliedes noch ein Schuss Eschatologie: auch in der letzten Not steht Gott dem Menschen bei, und das echte, ewige Leben beginnt erst mit dem Ende des irdischen Daseins.

      Man sieht, dass die Inhalte dieses kleinen Stückes Literatur vielfältig sind: nicht nur werden Papst und Türken in einen Topf geworfen und verteufelt, sondern es findet sich viele Elemente der reformierten Lehre in diesen drei Strophen wieder.

      Man muss es Luther schon als eine besondere Leistung anrechnen, derart viel Inhalt in zwölf Zeilen unterzubringen, dies alles noch in einfachster, wirklich kindgerechter Sprache, einfach zu lernen und zu behalten, mit Aussagen, die klarer nicht sein können und Kraft aus ihrer Schlichtheit gewinnen.

      Zu den Formalia des Liedes ist wenig zu sagen, allenfalls ist ihre Zweckdienlichkeit hervorzuheben: vier paarig gereimte Zeilen (aabb) ergeben eine Strophe, vierhebige Jamben sind das metrische Gestaltungselement. Man kann dieses nur einfach und schnörkellos nennen: und doch wird es in seiner Schlichtheit den Anforderungen, die Luther an dieses Lied gestellt haben mag, vollauf gerecht. Dieses Lied ist eines, das von Mund zu Mund gehen kann, das aufgrund seiner formalen Strenge kaum Raum für eigene Veränderungen lässt und damit zum idealen Werkzeug wird, reformatorisches Gedankengut fest in den Köpfen von Kindern und Erwachsenen zu verankern.

    9. Transport theologischer Inhalte: katechetische Lieder

    Um zu zeigen, wie Glaubensinhalte, der Katechismus also, von Luther in Lieder gebracht wurde, haben wir das Lied "Christ, unser Herr, zum Jordan kam" ausgewählt. Gegenstand dieses Liedes ist die Taufe, ihr biblischer Hintergrund und ihre Bedeutung in der reformierten Lehre.

    Zu den formalen Gestaltungselementen soll hier der Hinweis auf die bekannte Lutherstrophe genügen – die Auswirkungen der formalen Strenge auf die Qualität der Information, die durch die Lieder übermittelt wird, haben wir bereits ausreichend dargestellt.

    Für die Betrachtung des Inhaltes haben wir die Strophen 1, 2, 6 und 7 herausgegriffen. Die dazwischenliegenden Strophen erzählen das überlieferte Taufgeschehen Jesu, wie es sich in den Evangelien findet. Für uns bleibt dieses als Element katechetischer Lieder festzuhalten: es werden nicht nur Glaubensinhalte verarbeitet, sondern auch Inhalte der Bibel vorgestellt. Hier ergänzen sich Schriftgrundlage und Lehraussage zu einer Einheit. Wir wollen uns hier auf die Lehraussagen beschränken und richten unseren Blick daher auf die beiden ersten und die beiden letzten Strophen des Liedes.

    Die erste Strophe ist Programm, gewissermaßen die Struktur des gesamten Liedes, ein kurzer Überblick: Beleuchtet wird das biblisch tradierte Geschehen (Jesus wird von Johannes am Jordan getauft) und die Bedeutung der Taufe für den Christen, nämlich die Reinigung von Sünden und die Schaffung neuen Lebens. Dieser vorgegebenen Struktur folgt das Lied konsequent: von allgemeinen Vorbemerkungen geht es über die biblische Historie hin zum Leben des Gläubigen und endet im Bezug der Taufe zum Erlösungsgedanken Gottes.

    Das Lied beantwortet in der zweiten Strophe die Frage nach seinem Sinn selbst: alle sollen hören und darauf merken (auch: sich merken), was Gott unter der Taufe versteht (ein hoher Anspruch!) und was ein Christ glauben soll, wenn er nicht einem ketzerischen Irrglauben anhängen will. Das Lied will also den rechten Glauben vermitteln, und dies soll durch hören und merken geschehen. Vor den oben gezeigten Hintergründen ist verständlich, dass dies die soziale Situation der Adressaten umfassend berücksichtigt, hier offenbart sich der durchdachte Charakter der lutherschen Lieder sogar im Lied selber.

    Sodann werden die katechetischen Inhalte vermittelt: Wasser und Wort (auch hier steht wieder das Wort im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Heil des Menschen!) machen die Taufe aus, auch der Geist Gottes wird mit der Taufe vermittelt: ja, der Geist selber ist derjenige, der die Taufe vollzieht. Hier wird dem Menschen klar gemacht, dass Taufe keine äußerliche Handlung ist, sondern eine Gnadenerzeigung Gottes an den Menschen: Geist und heiliges Wort sind entscheidend, das schlichte Wasser, die äußere Handlung ist es nicht allein, die den Menschen einen Teil der Erlösung bringt.

    In der sechsten Strophe wird die äußere Handlung noch weiter relativiert: selbst der, der die Handlung empfängt, aber nicht daran glaubt (Stichwort: sola fide!), der bleibt in seinen Sünden. Hier wird dem Christen klar gemacht, dass sein eigener Glaube für die Wirkung der Sakramente entscheidend ist. Nicht die eigene Heiligkeit, die eigenen Werke können die Seligkeit bewirken (also auch nicht der gekaufte Ablassbrief!), der Mensch ist in Gott und kann sich nicht selber helfen.

    Die grundsätzliche Heilsbedürftigkeit des Menschen leitet sich aus der Erbsünde ab: die letzten Zeilen des Liedes machen deutlich, dass der Mensch immer auf die Gnade Gottes angewiesen ist, sei es durch eigene Schuld oder durch die Erbsünde.

    Es zeigt sich also, dass mit einem katechetischen Lied wie dem vorliegenden keineswegs nur simple Glaubensinhalte quasi "heruntergeleiert" werden, sondern dass eine differenzierte Aufarbeitung des eigenen Glaubensgebäudes erfolgt. Der Gläubige wird an seine eigene Verantwortung erinnert und diese Verantwortung in einen größeren biblischen und katechetischen Zusammenhang eingeordnet.

    Dieses Lied dient also nicht nur dem gemeinsamen Gesang, der Festigung der Gemeinschaft oder dem Transport von Einschätzungen wie das vorangegangene, sondern ist ein umfassender Einblick in einen recht weiten Bereich des Glaubens. Es definiert die Taufe nicht nur als das Zusammenspiel von Wasser, Geist und Glauben, sondern setzt es auch in Beziehung zum Erlösungsgedanken und das Prinzip der Verantwortung des Gläubigen für den Erfolg der sakramentalen Handlung.

    Doch nicht nur die Taufe ist isolierter Gegenstand der Betrachtung, auch andere zentrale Begriffe der Reformation finden Eingang in den Text: wir lesen vom Wort, davon, dass der Mensch sich nicht selber helfen kann und letztlich vom Verständnis des Opfertodes Jesu. Die Taufe wird hier also in die Gesamtheit der Lehre eingebettet und steht nicht als alleiniges Faktum ohne Bezug zur gesamten Lehre im Raum. Das Lied zeigt also nicht allein die Funktion der Taufe, sondern ordnet die Taufe in einen viel weiteren Zusammenhang ein.

    Auch hier zeigt sich, dass ein komplexer katechetischer Inhalt (Was ist die Taufe? Was bewirkt sie? Woher kommt sie? Was muss der Gläubige tun? Was tut Gott?) in kurze, prägnante Zeilen gefasst wurde. Zeilen, die gut singbar, gut behaltbar sind und die es dem einfachen Gläubigen ermöglichen, den Inhalt der Taufe, ihre theologische Dimension zu verstehen.

    Allein die Existenz von katechetischen Liedern zeigt eine völlig neue Dimension in der Glaubensauffassung: der Gläubige soll nicht allein glauben, auch wenn er nicht einmal die Sprache der Kirche versteht, nein, er soll vielmehr den eigenen Glauben verstehen, der Glaube soll für ihn selbst und damit auch gegenüber anderen Menschen begründbar werden.

    Damit wird klar, dass das katechetische Lied einen ganz wesentlichen Einfluss auf die Menschen haben kann: es ist nicht nur als Gemeindegesang ein Element der kirchlichen Gemeinschaft, sondern dient dem Einzelnen zur Belehrung. Es öffnet die Inhalte des Glaubens dem Verständnis des Einzelnen. Es interpretiert und gibt Verständniswege vor.

    Daneben hat es noch eine weitere Dimension: es fasst Glaubensinhalte in deutsche Sprache, es macht sie aufgrund der Form zu Allgemeingut. Man kann also zu Recht bei Luthers Liedern den Beginn eines echten Volkchristentums sehen.

  3. Wirkung der Luther-Lieder
  4. Die Wirkung der Luther-Lieder lässt sich direkt nicht messen: allenfalls aus dem Gefühl heraus kann man sich einen Eindruck davon verschaffen, ob ein Lied seinen Zuhörer oder seinen Sänger erreicht. In unserem Zusammenhang sind wir darauf angewiesen, indirekte Zeugnisse der Lieder Luthers herauszugreifen und anhand dieser Hinweise Indizien dafür zu finden, wie die Lieder gewirkt haben können.

    Wir können hier keine Betrachtung der Wirkung aller Luther-Lieder anstellen. Vielmehr wollen wir exemplarisch die Wirkung eines Liedes herausstellen: das nunmehr bekannte "Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort"

    1. soziale Wirkung
    2. Unter dem Stichwort der sozialen Wirkung ist die Frage zu stellen, ob denn Luthers Lieder überhaupt beim Volk angekommen sind, ob sie sich durchgesetzt und schließlich auch eine Wirkung gezeigt haben.

      Von dem Lied "Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort" ist bekannt, dass es 1559 vom Rat in Straßburg für die dortigen Kirchspiele verboten wurde (Schlisske 1948, S. 135). Dies beantwortet einige unserer Fragen auf einmal: zum einen hat das Lied seinen Weg genommen, es ist in einer bedeutenden Stadt des deutschen Reichsgebietes angekommen. Es ist offensichtlich auch gesungen worden, sonst hätte sich der Rat kaum mit diesem Lied befassen müssen. Offensichtlich hat es auch eine Wirkung gehabt: ein Lied wird in der Regel nicht aufgrund einer Laune verboten, sondern weil es einen nicht genehmen Inhalt erfolgreich transportiert.

      Aus 1558 ist die Beschwerde eines katholischen Gesandten im Braunschweigischen über dieses Lied überliefert (Schlisske 1948, S. 135). Der Gesandte fühlte sich offensichtlich brüskiert, dass man dieses Lied in seiner Anwesenheit im Gottesdienst gesungen hat. An dieser Stelle wird klar, dass das Lied zum Politikum, zum beachteten Kampfmittel geworden ist.

      Eine dritte, eher anekdotenhafte Erzählung über die Wirkung des Liedes soll unsere exemplarische Betrachtung abschließen: 1630, als Tilly Magdeburg eingenommen hatte und seine Truppen dort wüteten, sangen Schulkinder "Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort" und unterstellten damit Tilly, ärger zu sein als die Türken. Von Tilly wird gesagt, dass er daraufhin die Kinder umbringen ließ (Schlisske 1948, S. 135 – 136).

      Wir sehen also, dass wir alle drei Fragen, die nach der Verbreitung genauso wie die nach dem Erreichen der Bevölkerung und die nach der Wirkung der Lieder, positiv beantworten können. Wir sehen gleichzeitig, dass Lieder keineswegs harmlos sind, sondern zum Gegenstand der Auseinandersetzung werden – nicht nur einer geistigen, sondern auch einer gewaltsamen körperlichen.

      Die Intensität der Wirkung der Lutherschen Lieder sollte man also nicht unterschätzen – sie bilden nicht nur das Volk, sie schaffen eine eigene Identität und eine gemeinsame Zuflucht in Bedrohung, ja, sie werden sogar zu geistigen Schwertern, auf die mit dem Schwert geantwortet wird.

      Dies leitet zu unserer nächsten Frage über: wenn denn Luthers Lieder erfolgreich waren, dann müssten nicht nur die in ihnen vermittelten Inhalte erfolgreich transportiert worden sein, sondern auch die Sprache selbst. Wir stellen also die Frage nach der normativen Wirkung der lutherschen Sprache.

    3. Sprachnormierung

    Wenn sich eine bestimmte Form des sprachlichen Ausdrucks im Volk durchsetzt – und wir haben gesehen, dass Luthers Lieder dies getan haben – dann sind erhebliche Wirkungen auf den täglichen Sprachgebrauch des Volkes zu erwarten.

    Hier ist hier der Aspekt der Sprachnormierung einzuordnen: durch die Lieder – und natürlich durch die Bibelübersetzung – findet diese bestimmte Art des Sprechens eine vorher nicht da gewesene Art der Verbreitung. Die Aspekte, die wir unter inhaltlichen Gesichtspunkten oben genannt haben, nämlich die Konstanz der Inhalte, gelten für die sprachnormative Wirkung in gleicher Weise: ein Lied lässt sich nur schwer einer Mundart anpassen, ohne dass dabei formale Gestaltungen auf der Strecke bleiben: dies kann der Reim sein, aber auch bestimmte Betonungen, bis hin zur Verwendung von Wörtern in bestimmten Sinnzusammenhängen.

    Die Verbreitung der Lieder wirkt also aus sich heraus sprachnormierend, und dies ist im Wesentlichen dem besonderen Charakter der Lieder zu verdanken.

    Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass die Länder, die sich der Reformation widersetzen, zunächst nicht in den Einfluss dieser Sprachnormierung gerieten, dass also dort das Lutherdeutsch erst später seinen Eingang findet. Genau dies bestätigt auch die Forschung:

    "In katholischen Gebieten setzt sich das Lutherdeutsch erst im 18. Jahrhundert durch."
    (Kinder / Hilgemann 1999, S. 231)


    Die sprachnormierende Wirkung, ja sogar die Vorbildfunktion der Lutherschen Lyrik wird auch in der Literaturgeschichte deutlich herausgestellt:

    "Wirkung des deutschen Kirchenliedes durch Luther und nach ihm vergleichsweise ungewöhnlich stark; wurde Anreger und maßgebendes Vorbild für viele ausländische Literaten"
    (Braak 1978, S. 201)


    In unserem Zusammenhang können wir davon ausgehen, dass die Sprachnormierung im einfachen Volk nicht nur durch die Bibel (denn: wer konnte lesen, und wer konnte sich eine gedruckte Bibel leisten?) und die deutschen Predigtinhalte, sondern auch durch die immer wieder gesungenen Lieder erfolgt ist. Wir verkennen dabei nicht, dass die einheitliche Bibelübersetzung und die Predigten ihren Teil zur Sprachnormierung beigetragen haben, aber wir können an dieser Stelle eine begründete These aufstellen: das Singen der Luther-Lieder hat die Deutschen das einheitliche Sprechen gelehrt.

  5. Ausblick: Lieder als ideologisches Kampfmittel

Im Rahmen dieser Arbeit konnten wir zeigen, dass mit Luthers Liedern erstmalig das Lied in deutscher Sprache zu einer Art Massenmedium geworden ist. Die Menschen singen gemeinsam deutsche Texte, sie verstehen das, was gesungen wird und die Wirkung dieser Lieder ist enorm.

Gemeinsamer Gesang ist also eine Form des Miteinanders, die eine ganz besondere Faszination und Wirkung hat: die Verbreitung der Reformation im Volk wäre ohne Luthers Lieder kaum denkbar gewesen. Lieder können also offensichtlich Massen beeinflussen, sie können Meinungen bilden und ganze Volksgruppen in Aufruhr versetzen.

Die nachfolgende Geschichte zeigt, dass Lieder bei Umwälzungen im Volk, bei besonderen Bewegungen häufig eine besondere Rolle gespielt haben: man denke an die Marseillaise, die von der französischen Revolution nicht zu trennen ist, man denke an die bekannten Lieder zur Einheit Deutschlands, deren bekanntestes wir heute noch als Nationalhymne singen, und es ist – mit der gebotenen Distanz – auch der Hinweis auf den Liederkult der Nationalsozialisten erlaubt.

Die Masse durch Lieder zu begeistern, Lieder zu einem ideologischen Kampfmittel zu machen, das Volk durch Lieder zu bilden – man kann zu recht sagen, dass Luther der erste war, der dieses in Deutschland und in deutscher Sprache meisterhaft verstanden hat.

Der Erfolg der Reformation beim Volk ist ein Erfolg der Lieder.